Das Puppenspiel: Wie das Münchner Marionettentheater funktioniert

Im November 1900 öffnete das Münchner Marionettentheater – das erste stationäre Puppentheater im deutschsprachigen Raum (und weltweit) – seine Türen in der bayerischen Hauptstadt. Doch seine Geschichte reicht bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, als ein begeisterter Puppenspieler begann, den Unterhaltungswert von Puppentheatern mit einer Bildungsfunktion zu verbinden. Das Münchner Marionettentheater, als Vorreiter seiner Branche, hatte einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung von Puppentheatern in Deutschland, Österreich, der Schweiz und anderen deutschsprachigen Ländern. Mehr über dieses wichtige Kulturzentrum für Münchner Freizeitgestaltung erfahren Sie auf munich-trend.eu.

Das Werk von „Papa Schmid“

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Puppenspiel ein unverzichtbarer Bestandteil europäischer Jahrmärkte und bot Unterhaltung für Jung und Alt. Diese Puppentheater waren zumeist Wandertheater, die mit den Künstlern von Ort zu Ort zogen. Die Aufführungen basierten oft auf Legenden, Märchen, bekannten Theaterstücken und Opern, wie Mozarts „Die Zauberflöte“ oder Goethes „Faust“.

Mitte des 19. Jahrhunderts beschloss der deutsche Puppenspieler und Theaterregisseur Josef Leonhard Schmid, das Puppenspiel als pädagogisches Instrument zu nutzen. Im September 1858 schrieb er einen Brief an die Hohe Schul-Kommission, in dem er die Idee eines Puppentheaters für Kinder und Erwachsene vorschlug. Sein Programm sollte Aufführungen umfassen, die nicht nur unterhalten, sondern auch moralische und religiöse Werte vermitteln.

Im November desselben Jahres erhielt Schmid die Genehmigung, seinen Plan umzusetzen. Am 5. Dezember 1858 eröffnete er mit Unterstützung von Graf Franz von Pocci das Münchner Marionettentheater. Das erste Stück war „Prinz Rosenroth und Prinzessin Lilienweiß oder die bezauberte Lilie“. Das Theater zog zunächst häufig um, bis es schließlich in der Blumenstraße eine feste Bleibe fand. Josef Schmid erhielt den Spitznamen „Papa Schmid“.

Im Jahr 1900 wurde das Theater schließlich stationär. Das Theatergebäude wurde nach den Plänen des deutschen Architekten Theodor Fischer errichtet. Außen besticht das Gebäude durch klassizistische Säulen und ein Giebeldach, während die Bühne und der Zuschauerraum im Barockstil gestaltet sind.

Neue Besitzer

Schmid leitete das Theater bis zu seinem Tod im Jahr 1912. Danach übernahm seine Tochter Babette die Leitung. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte sie die Aufführung der Stücke von Graf Franz von Pocci, ihres Vaters und ihrer eigenen Werke fort. Trotz künstlerischer Erfolge geriet das Theater mit der Zeit in finanzielle Schwierigkeiten. Bemerkenswert ist, dass trotz der widrigen Umstände keine der Puppen verkauft wurde.

Nach Babettes Tod im Jahr 1930 führte ihr Mitarbeiter Karl Winkler das Theater zunächst alleine weiter. Drei Jahre später übernahm Hilmar Binter die Leitung und blieb bis 1951 im Amt. Nach Binters Tod übernahm dessen Witwe die Führung. Ab 1957 wurde das Münchner Marionettentheater für 43 Jahre von Franz Leonhard Schadt, dem ehemaligen künstlerischen Leiter, geleitet. Seine Frau Helga überarbeitete bekannte Märchen für das Theater. Im Sommer 2000 übernahm Siegfried Böhmke, ein langjähriger Mitarbeiter des Theaters, die Leitung.

Repertoire

Im Vergleich zu anderen Puppentheatern, die sich vor allem auf Aufführungen für Erwachsene konzentrieren, wie etwa das Bamberger Marionettentheater, bietet das Münchner Marionettentheater vor allem Stücke für Kinder an. Gleichzeitig kommen auch Erwachsene auf ihre Kosten. Während Kinder durch Emotionen angesprochen werden, richtet sich das Theater bei Erwachsenen an den Intellekt. In den Stücken finden sich unter anderem Anspielungen auf das Hofleben, Parodien auf Beamte und humorvolle Bezüge zu aktuellen Ereignissen.

Im Spielplan des Theaters stehen vor allem klassische deutsche und internationale Märchen wie „Der kleine Muck“ von Wilhelm Hauff oder eine Version von „Pu der Bär“ von Alan Alexander Milne. Neben zahlreichen klassischen Märchen für Kinder bietet das Abendprogramm auch klassische Inszenierungen. Opern und Operetten wie Carl Orffs „Carmina Burana“ oder Mozarts „Die Zauberflöte“ begeistern sowohl Erwachsene als auch Jugendliche. Es gibt auch Aufführungen mit historischem Bezug.

Kasperl Larifari

Graf Franz von Pocci, Puppenspieler und Autor von Puppenspielen sowie Kindergeschichten, entwickelte für das Münchner Marionettentheater die Figur Kasperl Larifari. „Papa Schmid“ und Pocci wollten eine Marionette schaffen, die für Kinder geeignet und gleichzeitig kultiviert war. Ziel war es, diese Figur für Bildungszwecke einzusetzen.

Kasperl Larifari trat erstmals 1858 im Stück „Die verzauberte Lilie“ von Pocci im Münchner Marionettentheater auf. Die absichtlich tollpatschige Figur wurde von den Zuschauern belächelt, erfüllte aber ihre pädagogische Aufgabe. Der frühe Kasperl nutzte eine Klatsche, um den Teufel, Hexen und Krokodile zu besiegen. Kasperl Larifari spricht oft über Essen, isst aber nie; er trinkt gerne, wird jedoch nie betrunken; er schläft gerne, bleibt jedoch trotz seiner kultivierten Faulheit stets liebenswert und charmant.

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